Graetz Melodia 4R
   
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Graetz Melodia 4R

 

 

 

Eine Restauration für gute Bekannte
Graetz Melodia 4R / 218

 

 

Auch bei dieser Reparatur wie (fast) immer vorab die Frage „Können Sie da mal schauen? Neulich ging er noch…“.

Nun ja. Bei diesem Radio lag das „Neulich“ wohl schon ein paar Jahre zurück, wenn nicht sogar Jahrzehnte.

Aber zum Radio. Es handelt sich hier um ein 8/11 Kreis UKW-Großsuper der Firma GRAETZ K.G. Altena. Das Radio hat UKW, KW, MW und LW. Also Standard, wie es so in den 1956ern Gang und Gäbe war. 6 Röhren sind verbaut. ECC85 für den UKW-Teil, ECH81 als Mischröhre und ZF der AM, EF85, EABC80 (Ratio-Detektor und Vorverstärkung NF) und eine EL84 als Endpentode. Als Abstimmanzeige dient eine EM80. Die Gleichrichtung wird im Netzteil mit einem „Selen gleich riecht er“ bewerkstelligt. Für den Ton sind 3 Lautsprecher vorhanden. Einer strahlt nach vorne ab, einer nach oben – zwischen seiner Schallwand und der Gehäusedecke ist ein schmaler Hohlraum, Höhe ca. 15 mm – vorhanden mit rundum Austritts-Schlitz hinter einer Zierleiste aus Metall, die auch gleichzeitig als Antenne dient. Dazu noch ein sehr früher Kristall-Hochtöner.

Zu den Problemen des Gerätes als Erstes, drei Tasten der Tastatur waren gebrochen. Die Einzelteile lagen aber zum Glück noch IM Gerät. Keine der Tasten ließ sich betätigen. Die Bedienung der Drehknöpfe für die Ferrit-Antenne, Klangschalter, Lautstärke, Klangregler und Abstimmung war wie verschweißt. Keines dieser Bedienelemente ließ sich bewegen. Das Gehäuse weist Schäden durch Feuchtigkeit auf, das Chassis natürlich auch. Dazu noch kleinere Schäden am Furnier. Die Glasskala war an einigen Stellen von Innen abgerieben bis auf das blanke Glas.

Nach öffnen der Rückwand wollte ich eigentlich sagen, NEEE! Da gehe ich nicht ran… Aber die Neugier und der Sprachfehler…

Da war nicht nur der Staub von 70 Jahren, sondern die Zeit als Baustellenradio brachte auch noch Steinstaub und Zement zu Tage. Dazu noch Fett und andere Ablagerungen aus einer Zeit als Werkstattradio.

Reparatur:
zuerst das Chassis aus dem Gehäuse. Die Lautsprecheranschlüsse gleich mit Steckbarer Lüsterklemme versehen. In der Garage steht mein Kompressor. Mit 8 Bar versucht, dem Dreck Herr zu werden. Nun gut, wenigstens der Staub machte sich aus dem Staub. Der Dreck auf den Metallteilen und anderen Bauteilen blieb, wo er sich eingebrannt hatte. Da muss ich mir was einfallen lassen, zumal ich ohne gründliche Reinigung z.B. den Drehko nicht bewegen wollte. Das Gehäuse selbst konnte ich ganz gut reinigen und auch den Schmutz auf der Oberfläche ging mit Isopropanol ganz gut runter. Danach die Schadstellen im Furnier ein bisschen kaschiert (das hatte ich den Besitzern schon vorher so gesagt, ich bin kein Möbelrestaurateur!).

Nach der ersten Reinigung dann die Bedienteile demontiert. Knöpfe, Tasten und vor allem die Glasskala abgenommen und gereinigt. Dann in einer stillen Stunde mit Acryllack (selbst die Farbe abgemischt) die Fehlstellen ausgebessert. Ist ganz gut geworden, meine ich. Und dann habe ich mir Gedanken gemacht, wie ich den wirklich hartnäckigen Dreck vom Chassis runter bekomme. Iso brachte nichts. Nitroverdünner konnte das Zeugs nicht widerstehen, aber der greift auch Isolationen, etc. an und war daher nur vorsichtig mit Lappen zu verwenden und da kommt man nicht überall hin. Also!?? Bleib nur noch die wirklich harte Methode, ELMA rot 1:9 aus der Uhrenwerkstatt. Die Mischung warm gemacht und dann mit der Sprühvorrichtung und Pressluft ohne Gnade auf das Chassis. Das hat geholfen und auch der Drehko sah danach wieder schön sauber aus. Dann noch mit klarem Wasser gesprüht (das ELMA ist recht aggressiv und muss wieder restlos runter), im 3ten Durchgang dann mit Pressluft alles gründlich durchgeblasen. Danach ab in die Küche und in den Backofen bei 70°C für 5 Stunden. Dann noch 2 Wochen ruhen lassen. Jetzt sollte auch der letzte Rest an Feuchtigkeit aus allen Teilen raus sein. Nun in die Werkstatt und mit langsamen „Saft geben“ die Leistungsaufnahmen (ohne Röhren natürlich) beobachtet. Minimal war die Anzeige, so um die 1 Watt. Das war dann dem „Selen gleich riecht er“ und den maroden Elkos in der Spannungsversorgung zu zurechnen. Der Netztrafo wurde nicht einmal lauwarm. Über Nacht so stehen gelassen. Am nächsten Morgen alles noch so, wie es abends war.

Jetzt ging es ans Eingemachte. Den Selengleichrichter durch eine Siliziumbrücke ersetzt – aber den Selen aus optischen Gründen an Ort und Stelle belassen – Der Si-Gleichrichter hatte im Chassis einen guten Platz gefunden - Jetzt wollte ich eigentlich der 3-Fach Elko auch ausbauen und ihn neu Befüllen. Aber das war unmöglich. Die Masseplatte der Alu Hülle war von unten mit drei Zapfen durch Schlitze im Chassis gesteckt und verdreht. Und nicht nur das, auch noch verlötet. Also entschieden, das Teil bleibt an Ort und Stelle. Die Drähte zum Elko abgeknipst und die neuen Elkos ebenfalls unter das Chassis geklebt. Gesagt getan. Jetzt Test der Spannungen. Ohne Röhren alle Werte natürlich höher als unter Last, aber keine Probleme. Auch der Netztrafo blieb bei 230 Volt kalt, die Leistungsaufnahme lag jetzt bei 0,2 Watt. Also Glück gehabt und bis hier hin hat nichts die Rosskur mit ELMA und Wasser übelgenommen!

In der „ohne Strom Zeit“ zwischen durch alle mechanischen beweglichen Teile mit Bremsenreiniger gereinigt, gangbar gemacht, frisch geölt und gefettet. Ein hartnäckiger Kandidat war der Drehko. Die Welle war bomben fest und nur mit einiger Kraft zum drehen zu bewegen, aber letztendlich hat auch er nachgegeben ohne dass er ausgebaut werden musste. Der kleine UKW-Drehko ist zum Glück unter dem UKW-Tuner verbaut und war so vor Dreck und Staub einigermaßen geschützt. Er ließ sich schnell davon überzeugen, dass auch er sich wieder drehen muss. Auch die Lager der drehbaren Ferritantenne sind wieder gangbar. Potis gereinigt, Wellen geputzt, Netzschalter auch zerlegt und gereinigt und so weiter und so weiter.

Ein großes, ja sogar ein sehr großes Problem war die mechanische Umschaltung der Wellenbereiche FM und AM. Da gibt es (gab es) eine mechanische Kupplung auf der Welle der Abstimmung. Die Kupplung wieder Gangbar machen war nicht das eigentliche Problem. Nein. Aber diese Kupplung wurde über einen ca. 20cm langen Bowdenzug bei Betätigung der UKW-Taste geschaltet. Und dieser Bowdenzug hat sich genau an einer Stelle verabschiedet, an die man (ich) ohne Demontage des Tastensatzes und des UKW-Tuners nicht rankommt. Auch gibt es keine „Revisionsöffnung“ im Chassis oder im Tastensatz. Die Konstrukteure, die sich das ausgedacht haben, soll der Teufel oder so holen! Nach einigen Überlegungen, diese Umschaltung elektrisch zu realisieren (2 Zugmagnete und am UKW-Tastensatz ein Mikroschalter samt Thyristor und Löscheinrichtung) scheiterte letztendlich am fehlenden Platz. Meine Lösung nach einigem Überlegen: Die blöde Kupplung einfach blockieren! Jetzt wandern halt beide Zeiger der Sendersuche gemeinsam über die Skala. BASTA!

In der Zwischenzeit die Röhren auf meinem Einfachprüfgerät überprüft. ECC85 schlecht. ECH81 Heptode gut, Triode Brauchbar. EF85 schlecht, EABC80 in allen Systemen gut bis sehr gut, EL84 knapp sehr gut. Auch die EM80 hat gute Werte. Im Fundus hatte ich noch eine ECC85 und auch eine EF85. Diese beiden Ersetzt und dann der spannende Moment: Spannung steigt! Mein Messgerät zeigt am Gleichrichter 265 Volt, nach dem zweiten Lade-Elko 240 Volt. Heizspannung 6,8 Volt. Uups, vergessen, die Spannungseinstellung von 220 Volt auf 240 Volt zu stellen. Gemacht getan, jetzt liegen die Spannungen im grünen Bereich und es kommen nach etwas aufdrehen der Lautstärke auch Töne aus dem Lautsprecher.

Antenne angeschlossen und in meiner Funkdiaspora ist auf UKW leise etwas zu hören. Aber nur für ungefähr 5 Minuten. Dann herrscht Schweigen. Auf allen Kanälen. Nach weiteren Messungen stellt sich als Übeltäter die ECH81 heraus. Diese war natürlich im Fundus nicht vorhanden und musste bestellt werden. Die „Neue“ war dann nach 4 Tage da und es kamen wieder Töne. Die alte ECH81 auf meinen Einfachtester: Beide Systeme in Ordnung, nicht auffälliges. Röhren wieder getauscht. Nach ca. 4 Minuten wieder Schweigen. Nun ja. Ein lieber und hilfsbereiter Kollege aus dem RBF hat die alte dann auf seinem Gerät gemessen. Eine hochohmige Verbindung legte die Systeme der ECH81 nach Erwärmung lahm. Also der Ersatz war richtig.

Die jetzt folgende KONDENSATORTAUSCHORGIE will ich den geneigten Lesern ersparen. Nur so viel: von den ca. 45 Kondensatoren (Teeries und Scheibchen) lagen ALLE innerhalb der Toleranzen. Lediglich 3 Elkos hatten ihren elektrischen Geist ins Nirwana verschoben, unter anderem der vom Ratio und natürlich der Katodenkondensator der Endstufe. Mein eigenes Problem aber: nach dieser über Tage dauernden Kondensatororgie macht zwar UKW vernünftige Töne, aber die drei anderen Wellenbereiche nix. Auch die EM80 meinte „Kein Signal“. Ich Dummerchen habe gemeint, selbst Fehler einbauen? Nicht bei mir! Eine maßlose Selbstüberschätzung, wie sich zeigte!!!

Nun denn. Fehlersuche. Fehler war schnell klar. Die AM hatte keine ZF, nichts schwingt da. Aber warum nicht? Verdächtig: die ECH81. Aber nö, die war es nicht. Also per Schaltplan alle Kondensatoren nochmal geprüft. Und tatsächlich, einen gefunden, der Hatte 50nF statt der angegebenen – und erforderlichen - 5nF. Getauscht, nix. Also weitersuchen. Dabei festgestellt, dass der Schaltplan wie so oft nicht ganz korrekt ist. Zum Bleistift war, das die Schaltkontakte sehr oft vertauscht waren. Anschlüsse, die z.B. auf A5 liegen sollten, waren auf A6 aufgelegt. Macht zwar von der Funktion her nichts, verwirrt aber den unbedarften Bastler (mich). Jetzt nach Einsatz fast aller verfügbaren Messgeräte dann mit Lampe und Suchlupe grinst mich ein loses Drahtende an! Die Spule 67 hing mit einem Bein in der Luft! Da habe ich wohl bei Wechsel eines Kondensators den Draht mit abgelötet und beim Anlöten des Neuen einfach übersehen.

Alles nicht zur Strafe, nein nein, nur zur Übung.

Jetzt konnte ich in meiner ganz privaten von Funkwellen abgeschirmten Diaspora auch LW, MW und KW mit meinem kleinen Chinasenderlein Testen. Die Töne 400, 1000, 5000Hz kamen sehr gut und sauber rüber, 10000Hz konnte ich mit dem Oszi sichtbar machen.

So, jetzt das Chassis wieder mit allem komplettieren, ins Gehäuse und dann der letzte Test. Der wird dann in der Küche stattfinden, da dort die Störungen um vieles geringer sind als in der Werkstatt und auch das frisch aufgemöbelte Gehäuse dann besser zur Geltung kommt.

Ein bisschen Stolz bin ich schon auf mich. Ich hoffe nur, dass die Besitzer dieses – jetzt wieder – schöne Radio nicht wieder auf Baustellen oder in Werkstätten einsetzen. DAS hat es ganz sicher nicht verdient!

Total verstaubt

Das gibt viel Arbeit...

So kam das Gerät in meine Werkstatt

Ablagerungen der Jahrzehnte

Auch da, wo sie nicht sein sollten

Einfach nur Dreck

Das ging garnicht!

Auch das musste wieder sauber werden

Nach einer Rosskur sieht es schon besser aus

Es geht weiter. Die nächsten Schritte

Die EF85 verbraucht

Endpentode EL84 ist brauchbar

Tastensatz von unten

Die mechanische Umschaltung FM - AM

Spannungsversorgung

Auch hier muss gereinigt werden

Der Selen-Gleichrichter muss ersetzt werden

Auch diese Elkos müssen ersetzt werden

Auch neu. Ca. 45 Stück

Auch hier diverse Kondensatoren ersetzt

Die Glasskala mit der Abriebstellen

Erste Töne nach Jahren

Der ist hinüber und kann nicht repariert werden

Alte Technik. Da haben viele Hände dran gelötet im Jahr 1956

Die renovierter Glasskala wieder am Chassis

Jetzt gefällt der Graetz auch mir...

Die Innereien ohne Staub

...und hier ist sein neuer Platz in der Familie!

 

 

 

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Stand: 04.02.26

(c) Rolf-Dieter Reichert 2010