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VEB Funk- und Feinmechanik Neustadt-Glewe "Fidelio"

So, Ende Januar ist im Repair-Café dieses Radio aufschlagen. - Mein Sprachfehler - na ja 😥.

 Unterm Chassis alles in Reih und Glied. Beschriftung so, dass man sie sofort lesen kann und alles schön im Winkel. Da kommt man (fast) ohne Schaltplan zum Ziel! Dazu dann noch ein Besitzer, der das Gerät VOR der Reparatur mit Pinsel und Staubsauger gereinigt hat. Das Chassis sieht aus, als wäre das Radio erst gestern vom Band gekommen.

Aber nun zu den Problemen. Bemängelt wird vom Besitzer der sehr schlechten Empfang, vornehmlich auf UKW. Und auch die Tonqualität lässt sehr zu wünschen übrig.

Das die Seilführungen neu gemacht werden müssen, war sofort ersichtlich. Zum Glück lag aber der Skalenzeiger für FM noch im Gerät. Die Friktionskupplung FM - AM ist fest, aber kein Problem.

Zuerst die Röhren auf meinem Euratele geprüft. Die ECC 85 (zuständig für FM) ist nicht mehr die Beste: I = 50%; II = 35%. Da ist eine Neue fällig. Die anderen Röhren sind nach meinem Gerätchen noch gut brauchbar, bis auf beide EL95. Die sind beide Schrott mit 12% und 20%. Der Grund hier wird wohl der 50µF - Elko an den Katoden sein.

Auch die 3 Elkos der Spannungsversorgung - 2 x 50µF, 1 x 22µF - wurden ersetzt (der Lade Elko hat sich schon in die Buchse gemacht, das kleine Ferkel das 🤬), allerdings habe ich die neuen nach Ausbau der Becher unter das Chassis geklebt. Es kommt bei diesem Radio nicht auf Originalität an, sondern nur auf Funktionalität. Also dann!

Und jetzt etwas, was mir noch nicht untergekommen ist: Natürlich krachte das Lautstärke-Poti. Bei diesem Alter ja auch nicht anders zu erwarten. Also, Sprühkur mit Kontakt 60 plus. Hat prima geklappt! Kein Krachen und Knacken mehr.
5 Minuten später Garnichts mehr... Die Welle des Lautstärke-Potis ließ sich auf einmal so um die 4 - 6 mm reinschieben und rausziehen. Beim Reindrücken wieder Töne. Also, dieses Spiel war vorher garantiert nicht da.
Ein Blick auf das Poti geworfen und... Also wirklich, sowas ist mir noch nie passiert. Alle vier Hohlnieten sind gerissen und das Poti wird nur noch durch die angelöteten Kabel zusammengehalten! Nun ist guter Rat teuer. Neues Poti - 100kOhm Lin für die Klangregelung und 1,3mOhm mit Anzapfung für die Lautstärke - ist wohl nicht mehr zu bekommen, zumal das hier verbaute auch noch spezielle Wellen hat. Frustriert vor die Kiste gesetzt und Neuseeland-Krimi geguckt.

 Gestern Vormittag dann die Erleuchtung: Ich kann die vier gerissenen Hohlnieten durch M 1,6 Schrauben ersetzen, die passen ohne Probleme durch die vorhandenen Bohrungen. Schrauben und Muttern sollen in wenigen Tagen hier sein und dann sehen wir weiter...

Das Warten ist vorbei und das Poti wieder zusammen. 4 Schrauben M 1,6 haben es gerettet!

Jetzt werden die Skalenseile neu gezogen. Hier muss man darauf achten, auch wirklich die etwas teuren Skalenseile zu verwenden. Nylon und Co. Sind ungeeignet, da sich diese Strippen deeehhhnnneeennn 🤢 und dann rutsch das Seil wieder. Arbeit umsonst. Also lieber etwas mehr ausgeben und gleich vernünftiges Material kaufen. Ich verwende meistens 0,8 mm Skalenseil. Das ist universell und kann in vielen Geräten verwendet werden.
Für dieses Gerät – FM und AM - sind 3,5 Meter notwendig, die kosten so um die 4 – 5 €uronen.

Als erstes muss hier das FM-Seil gespannt werden. Das hat so ein paar kleine Besonderheiten in der Führung. Als erstes, es muss unter dem Drehko AM hindurch und auch am AÜ sehr eng vorbei gefädelt werden. Mit ein bisschen Nachdenken und technischem Verständnis kommt man eigentlich auch ohne den Seillaufplan des Herstellers darauf, wie die Strippen gezogen werden müssen, ohne dass es beim Test Verknotungen gibt. Apropos Knoten. Hier müssen Knoten geknüpft werden, die sich nicht selbst öffnen oder zuziehen. Also Seemannsknoten. Zum Beispiel den Palstek. Ein Ohr, dass sich hervorragend für das anbinden an die Zugfeder eignet und welches man auch unter Spannung – also, wenn die Feder schon gespannt ist, – schlagen kann. Einfach mal im Netz nach „Palstek“ oder allgemein „Seemannsknoten“ suchen.

So, also nach einigen Verschlingungen funktionier die Seilführung für FM und AM wieder ohne Rutschen. Beachten muss man bei dieser Arbeit nur, dass man das richtige Material verwendet und die Antriebsflächen auf der Sendersuchwelle nicht gefettet sind. Allgemein sind auf dem Antriebsrad der Drehkos insgesamt 6 Windungen Seil vor zu sehen und beim Antrieb 3 – 4. Weniger sollten es nicht sein, da sonst der Antrieb zum Rutschen neigen kann.

Jetzt der erste FM-Test. Ich hatte ja schon festgestellt, dass die ECC85 nicht mehr die Beste ist. Also eine aus dem Fundus gemessen und für gut befunden: Siemens ECC85 I = 95%, II = 100%. Sollte also wieder Töne von sich geben, oder? Nun, auch mit dieser Röhre zeigte der Tuner ein seltsames Verhalten. Während der Aufheizphase war mal so für 3 – 5 Sekunden ein Rauschen zu hören, dass dann aber wieder verschwand. Und natürlich auch kein Empfang. Dieses Problem war nur bei FM. AM war der Empfang in Ordnung. Also sollte eigentlich der Fehler in der Mischstufe (ECH81), Ratio (EABC80) oder dem Tuner selbst zu finden sein.

Nach Tausch der beiden ersten Kandidaten keine Änderung des Problems. Also ran an den Tuner.
V
or den UKW-Tunern habe ich bislang immer einen Bogen gemacht. Ein Kasten mit 3 Schrauben eben. Aber Alter macht neugierig und warum eigentlich nicht? Die Entwickler waren doch auch nur Menschen und ich kann doch noch lernen!? Geholfen hat mir dann die Plattform RM.ORG mit „Defekte und Reparaturansätze bei UKW-Tunern“ von Harald Giese. Vielen Dank für Deine Ausführungen, lieber Harald!

Als Erstes nach öffnen der „Black Box“ UKW-Tuner festgestellt, dass zwei Spulenkerne (zum Glück waren die Ferittkerne in Kunststoffführungen mit entsprechendem Gewinde untergebracht) schon mal irgendwie verstellt worden sind. Sie guckten so weit aus ihren Spulen heraus, dass das Gewinde schon außerhalb war. Da hatte also schon mal ein Kleinkind gedreht was nur ging. Nicht gut…

Die drei Keramik Trimmer in der Schaltung sahen auch nicht mehr sehr vertrauenerweckend aus. Hier habe ich Problemen mit Silberleitlack – so auch von Harald Giese empfohlen – abgeholfen oder vorgebeugt, wie man will. Trotz dieser Maßnahmen zeigte die alte Röhre immer noch folgendes Problem: Beim Aufheizen – Drehko fast ganz raus gedreht, also Frequenz ca. 100MHz – für 2 – 4 Sekunden Rauschen, dann nichts mehr. Wurde dann die Suchfrequenz so in den Bereich 90MHz gebracht, setzte auf einmal die Schwingung und damit auch das Rauschen ein bis hinab zum Ende der Skala bei ca. 87MHz. Die gute Röhre (oben schon mal beschrieben) Rauschte (oder besser Schwang) ebenfalls so 2 – 4 Sekunden und dann totenstille, auch bei 87MHz!

Also, jetzt wurde es mir zu bunt! Endlich den Oszi angeworfen und mal genauer geschaut was da so vor sich ging. Erkenntnis: Der Eingangsteil der ECC85 arbeitete ordentlich. Aber das zweite System, der Oszillator, tat seltsames. Er Schwang, die Schwingung brach zusammen, dann schwang er wieder und so. Wenn ich mit dem Tastkopf auf den auf den im Schaltplan gekennzeichneten Anschluss kam, setzte sofort die Schwingung wieder ein und bleib auch konstant. Nach Ausrechnung des Oszi-Bildes hatte die Schwingung so um die 10MHz. Also mal die Kondensatoren gemessen. Und tatsächlich, der 70pF (roter Kreis) hatte zwar noch 50pF nach meinem Xi, aber gleichzeitig auch einen Widerstand von ca. 750kOhm schwankend. Also den habe ich ausgetauscht und siehe da, die alte und die neue ECC85 arbeiteten auf einmal klaglos vor sich hin. Jetzt noch die beiden Filter auf Maximum gebracht (um einige Windungen in die Spulen hineingedreht) und ich konnte mit meinem kleinen FM-Senderlein per Blau Zahn Beethovens „Für Elise“ richtig schön über das ganze Band von 87MHz bis knapp 101MHz empfangen.

Fazit für mich: Vielen Dank Harald, für Deinen verständlichen Beitrag im RM.Org. Lesen behebt manchmal doch Dummheit und Unvermögen, bei mir jedenfalls.

Was habe ich bei diesem Radio mitgenommen?

1.)    Zum lernen ist man nie zu alt

2.)    Jetzt endlich werde ich meinen ollen Philips GM2889-01 wieder in Stand setzen

3.)    Mir nach Vorschlag aus dem RBF eine Aufblaskappe basteln und

4.)    Noch mehr lernen, z.B. wie man (ich) einen Messsender zum Wobbeln richtig einsetzt.

Ich denke mal, auch das werde ich mit Hilfe der sachkundigen und hilfsbereiten Kollegen im RBF hinbekommen.

Ps.: Für alle Hobbyisten, die sich auch an solchen Geräten versuchen wollen: GEFAHR! Hier wird mit gefährlicher Spannung gearbeitet, die ohne Weiteres zum Tod führen kann! Also liebe Laien, Finger weg. Überlasst das denen, die es gelernt haben!

VEB (ex DDR) FM "Fidelio"

Die Rückwand mit Röhrenbestückung

Rückwand mit Hinweisen

Sehr aufgeräumter Innenraum des Fidelio

Hier hängt das Chassis schon im Montagerahmen Marke Eigenbau

Akkurate Schaltung, kenne ich eigentlich nur aus dem Schaltschrank-Bau

Wie die Arbeit von Elektrikern!

Der muss ersetzt werden.

Hier sieht man schon, dass das Elektrolyt ausgelaufen ist.

Die alten Elkos "entkernt" und neu befüllt.

Xi Jinping meldet "der ist eigentlich noch in Ordnung..."

Passt!

Die Neuen wurden unter das Chassis geklebt.

Nach der Reinigung sind die Hohknieten einfach abgerissen...

Was kann man da machen!?

Alle 4 Messingnieten gerissen!

Wirklich seltsam, dieses Schadensbild.

Mit 4 Schrauben M1,6 und entsprechenden Muttern gehts.

Poti gerettet!

Die Seilführung ist gewöhnungsbedürftig... Unterm Dreko durch und sehr nahe am Trafo vorbei.

Geschaft

Reparatur am offenen Tuner...

Der Schaltplan mit den defekten Teilen.

 

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(c) Rolf-Dieter Reichert, Stand: 15.06.26